American Bar G. Arnoldi, Berlin 1870

[English version | Liste historischer Bars]

Am Freitag den 10. Juni des Jahres 1870 hat in Berlin ein gewisser G. Arnoldi unter der prestigeträchtigen Adresse Unter den Linden 61 eine Cocktailbar eröffnet.

Das war nicht ganz ein Jahr vor der Gründung des Deutschen Reiches, ein gutes Jahrhundert vor Eröffnung der Harry’s New York Bar in München und 150 Jahre, bevor in Neukölln das Wax On seine Pforten öffnete. William Terrington’s Cooling Cups war ein Jahr zuvor erstmalig in London veröffentlicht worden, Jerry Thomas‘ Bar-Tender’s Guide acht Jahre zuvor in New York. Über die vielleicht erste Bar auf deutschem Boden ist wenig bekannt. Lediglich vier Annoncen in einer Berliner Zeitung ließen sich bis dato auftreiben. Nichtsdestotrotz bilden sie einen wichtigen Mosaikstein für unser Bild von den Anfängen der Cocktailkultur in Deutschland.

Anzeige in der Beilage der Berliner Wespen Nr. 24, 10. Juni 1870, S. 3, Digitale Landesbibliothek Berlin, Abruf: 09.12.2023.

Der Stachel der Berliner Wespen

Für den Tag der Eröffnung hatte Herr Arnoldi eine recht großzügige Anzeige in der Beilage der Berliner Wespen geschaltet, die auf die neue gastronomische Attraktion aufmerksam machen sollte. Die Berliner Wespen waren zwei Jahre zuvor als „Illustriertes humoristisches Sonntagsblatt“ durch Julius Stettenheim ins Leben gerufen worden (Abb. unten: Deutsche Humoristen der Neuzeit (Ausschnitt), Lithographie von Hermann Scherenberg, in Illustrirte Zeitung Nr. 1905, 08.01.1880, 8). Der gebürtige Hamburger hatte von 1857 bis 1860 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin studiert, konnte jedoch zwischenzeitlich nicht nach Berlin einreisen, da in Preußen aufgrund satirischer Beiträge über Otto von Bismarck ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Die ohnehin spärliche Pressefreiheit war in den Jahren nach der Märzrevolution noch weiter eingeschränkt worden.

Bevor die Freie Stadt Hamburg 1871 im Deutschen Reich aufging und Stettenheim möglicherweise auch in seiner Heimatstadt nicht mehr sicher gewesen wäre, erging 1866 eine Amnestie, die ihm die Rückkehr nach Berlin ermöglichte. Seine Wespen avancierten neben Kladderadatsch (seit 1848) und Ulk (ab 1872) zu einem der führenden Satireblätter der Kaiserzeit. Bezogen werden konnten die wöchentlich erscheinenden Wespen per Abonnement oder aber als Beilage zu verschiedenen anderen Berliner Zeitungen. Auch wenn das Blatt eine Nähe zur liberalen Fortschrittspartei erkennen ließ, war es kein Parteiorgan.[1] Das ließ sie vermutlich für G. Arnoldi – ebenso wie ihre weite Verbreitung in Berlin – als Werbeträger attraktiv sein.

Spree-Chicago avant la lettre

In fetten Buchstaben prangt „American Bar“ über den weiteren Informationen zu dem, was die Gäste in dem neuen Lokal erwartete. Im oberen Teil ist die Anzeige auf Englisch gehalten und insgesamt wird die als deutsch wahrgenommene Frakturschrift, die ansonsten noch sehr präsent in den Zeitungen war, vermieden. Was hier beworben wurde, sollte als durch und durch amerikanisch, neu und modern wahrgenommen werden. Damit sollten gewiss auch deutsche Gäste angesprochen werden, aber wahrscheinlich vor allem die Amerikaner, die in Berlin lebten. Eine englischsprachige Zeitung, die gerade das amerikanische Publikum angesprochen hätte, gab es in Berlin zwar noch nicht.[2] Nichtsdestotrotz handelt es sich um die Zeit, in der die amerikanische Community in Berlin bereits so groß geworden war, dass die englischsprachigen Sonntagsmessen nicht mehr in der geräumigen Privatwohnung des deutsch-amerikanischen Missionspfarrers Ludwig Nippert abgehalten werden konnten. Von der Methodist Episcopal Church (MEC) hatte er 1859 die Erlaubnis dazu bekommen. 1876 konnte zunächst die American Chapel in der Junkerstraße in Kreuzberg ihren Betrieb aufnehmen. 1903 wurde sie durch die von Otto March neu errichtete American Church in der Motzstraße am Nollendorfplatz in Schöneberg abgelöst, die bis zu ihrer Zerstörung 1943 bestand.[3]

Amerikanische Kirche am Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg, Außenansicht von Osten (Ausschnitt), Otto March, 1903, Landesbildstelle Berlin, Inventarnr. ZI-0127-01-Th179120. Deutlich erkennbar im Vordergrund abschließende Bauarbeiten.

Doch was hat eine Kirche mit einer 30 Jahre älteren Cocktail Bar zu tun? G. Arnoldi’s neu eröffnete Gastronomie ist in einer Entwicklung zu sehen, die 1870 bereits im Gange war und die über die nächsten Jahrzehnte Fahrt aufnehmen sollte:[4]

„Es gab ein »American Quarter« rund um die »American Church« am Nollendorfplatz. Amerikanische Herrenanzüge waren um 1910 groß in Mode, ebenso wie der aus den USA importierte Boxsport, das Rollschuhlaufen und Cocktailbars. Amerikanische Versicherungsgesellschaften legten ihr Geld in Berliner Immobilien an. Wie New York besaß Berlin seinen Lunapark, einen großen Vergnügungspark am Halensee mit Wasserrutschbahn und Teufelsrad, Lachhaus und »Moulin Rouge«.“

Tatsächlich sollte noch vor dem Ersten Weltkrieg, 200 Meter von der American Church entfernt, in der Motzstraße 21 die Motz-Bar eröffnen, über die an anderer Stelle zu sprechen sein wird. Das Berlin der Kaiserzeit hatte in punkto Urbanität, Modernität und Tempo ein Stadtgepräge, das Mark Twain 1892 vom „Chicago Europas“ sprechen ließ. Das Schlagwort vom „Spree-Chicago“ etablierte sich entsprechend in der deutschen Literatur und Presse.[5]

Anzeige in der Beilage der Berliner Wespen Nr. 26, 24. Juni 1870, S. 3, Digitale Landesbibliothek Berlin, Abruf: 09.12.2023.

In zwei Anzeigen, die Arnoldi in den folgenden Wochen in der Beilage zu den Wespen platziert hatte, wurde der Amerika-Bezug noch deutlicher durch ein grafisches Element hergestellt, das die Kosten für den Anzeigenplatz noch einmal in die Höhe getrieben haben dürfte: Über dem Text fliegt der Bald Eagle, der das Stars-and-Stripes-Wappen auf der Brust trägt und mit den Krallen Pfeile und Ölzweige als Symbole für Krieg und Frieden umgreift. Im Schnabel hält er das Banner mit der Aufschrift „E PLURIBUS UNUM“. Die Darstellung entspricht dem Großen Siegel der Vereinigten Staaten, das seit 1782 als Hoheitszeichen diente.[6] Der lateinische Satz auf dem Banner bedeutet wörtlich „aus vielen eines“, was mit Leibniz auf die Formel „Einheit in der Vielheit“ gebracht werden kann. Dieser neuplatonisch beeinflusste Gedanke tauchte bereits in der Antike mehrfach in den Schriften des Kirchenvaters Augustinus auf (bspw. Aug. conf. 4,8,13), den die Gründerväter der Vereinigten Staaten gründlich gelesen hatten. Jener hatte die Formulierung möglicherweise Cicero entlehnt (Cic. Lael. 25,92; off. 1,17,56), der Männern wir Benjamin Franklin, John Adams und Thomas Jefferson ebenfalls nicht unbekannt war.[7] Möglicherweise hatte sich G. Arnoldi mehr Gedanken zur Werbung für sein neuartiges Lokal gemacht, als bloß nach visuellen Amerika-Referenzen zu suchen: Die vielbemühte Metapher vom „Schmelztiegel USA“ versinnbildlicht ein Gefäß, in dem verschiedene Dinge in flüssigem Zustand zusammengebracht werden, und entspricht damit dem Prinzip Cocktail – nur bei anderer Temperatur.

We all scream for »Eis-Cream«

Zunächst steht vor allem die Verfügbarkeit von Eis im Fokus der Anzeigen bzw. die daraus hergestellten Eisgetränke und „Eis-Cream“. Insbesondere die „Marmor-Maschinen“, die das Eis lieferten, werden als Attraktion und Alleinstellungsmerkmal hervorgehoben. Gewiss dürfte es sich bei dem Marmor lediglich um die Verkleidung der eigentlichen Maschinen bzw. die Auffangbehälter für das produzierte Eis gehandelt haben. Eis war in Preußen am Vorabend der Kaiserzeit noch nicht omnipräsent und konnte nicht ohne Weiteres in jedem Haushalt hergestellt werden. Arnoldi wollte mit seiner Werbung die Fortschritts- und Technikbegeisterung der fortgeschrittenen Industrialisierung ansprechen. Die Eröffnungsanzeige verweist sogar auf den Erfolg, den die von ihm eingesetzte Kühltechnik drei Jahre zuvor auf der Pariser Weltausstellung gehabt hatte. Tatsächlich hatten zwei Franzosen namens Carré mit einem Verfahren international für Furore gesorgt, bei dem sich durch Absorption eines Teils des Wassers in Säure aus dem übrigen Wasser Eiskristalle herstellen ließen. Bereits in den zeitgenössischen Berichten macht sich jedoch eine gewisse Verwirrung über die beiden Carrés bemerkbar. Die größte Plausibilität hat die Darstellung, der zufolge Edmond Carré seine Luftpumpen-Schwefelsäure-Maschine im Jahr 1850 vorstellte, mit der er in 45 Minuten 340 Gramm künstliches Eis herstellen konnte, also ca. zwei Trinkgläser voll.

„Die große Carré-Maschine für die Herstellung von Eis.“ in: Gaston Tissandier, L’eau, 2. Aufl., Paris: Librairie de L. Hachette et Cie. 1869, S. 260.

Auf der Pariser Weltausstellung scheint es jedoch die Weiterentwicklung seines älteren Bruders Ferdinand Carré aus dem Jahr 1859 gewesen zu sein, die bahnbrechend war. Jene Maschine konnte unter der Verwendung von etwas weniger gefährlicher Schwefelsäure 200 Kilogramm Eis in der Stunde herstellen[8] – das machte das Gerät ungleich interessanter für den kommerziellen Einsatz. Die Abbildungen der schmucklosen Behälter und Röhren der Carré-Maschinen machen deutlich, dass eine Marmorverkleidung in Punkto Ästhetik und Sicherheit einen gewissen Mehrwert hatte. In jedem Fall dürfte Arnoldi tief in die Tasche gegriffen haben für die Apparatur.

Anzeige in der Beilage der Berliner Wespen Nr. 27, 1. Juli 1870, S. 3, Digitale Landesbibliothek Berlin, Abruf: 09.12.2023.

Neben verschiedenen, offenbar alkoholfreien Eis-Spezialitäten bewarb er zunächst pauschal „Cobblers, Cocktails, Smashes etc.“, um in der Folge eine größere Auswahl der feilgebotenen Erfrischungen anzugeben. „Claret-Ice-Punch“, „Sherry Cobbler“, „Brandy Smash“ und Konsorten stellen gemessen am amerikanischen Standard der Zeit keine großen Überraschungen dar, jedoch befinden wir uns hier im piefigen Preußen des Jahres 1870, so dass ein wenig Überraschung durchaus angebracht ist. Dass Arnoldi einen „Mint Tulep“ bewarb, muss nicht notwendigerweise ihm zur Last gelegt werden, vielleicht hatte er die Anzeigen per Fernruf beauftragt, also telefonisch. Der Sachbereiter für Annoncen bei den Wespen hatte vielleicht noch nie einen Julep getrunken. Dass der Fehler in der Woche darauf erneut erschien, scheint dann jedoch mindestens mangelnde Sorgfalt auf Arnoldis Seite gewesen zu sein. Fett hervorgehoben sind die drei „Cocktails“ in der Liste, von denen man sich offensichtlich eine größere Anziehungskraft versprach als bspw. von „Eggnogg“. Über die Rezepturen der Drinks erfahren wir nichts, jedoch zeugt die große Prominenz von Eis in den Anzeigen von wenigstens einem Aspekt der Cocktails, den Arnoldi richtig gemacht haben dürfte. Eis war trotz voranschreitender Kühlungstechnik auch für besser situierte Privatvorhaushalte noch kein ubiquitär verfügbares Konsumgut, so dass es verständlich ist, dass die American Bar sich vor allem als Eis-Bar präsentierte.

Anzeige in der Beilage der Berliner Wespen Nr. 25, 17. Juni 1870, S. 3, Digitale Landesbibliothek Berlin, Abruf: 09.12.2023.

Ein Glücksfall ist es, dass die Preise angegeben sind. Der Alkoholgehalt der Getränke in der rechten Spalte lässt sich bereits am zwei- bis viermal höheren Preisniveau gegenüber der linken Spalte ablesen. Mit jeweils 10 preußischen Silbergroschen (Sgr.) waren der „Champagne-Cobbler“ (wohl wegen der Hauptzutat) und der „Eggnogg“ (vielleicht wegen des Aufwands) am teuersten. Das nächstgünstige Getränk war der Mint Julep mit 7½ Sgr., der möglicherweise wegen der größeren Menge des zu verwendenden Eises teurer war als Cocktails, die es zu je 5 Sgr. gab. Gemäß Umrechnungstabellen in moderne Währungen hätte ein Cocktail € 4,95 und ein Champagne-Cobbler € 9,90 gekostet.[9] Aber sind die Preise wirklich so schlaraffenlandartig gewesen, wie sich das anhört? So bekam bspw. ein Setzer, der in einer Druckerei arbeitete, im Jahr 1872 monatlich 97,50 Mark,[10] was gemäß Art. 15 Nr. 3 Münzgesetz vom 9. Juli 1873 dem Wert von 975 Sgr. bzw. 32,50 Talern entsprach. Gemäß der oben zitierten Umrechnungstabelle hätte man also einen Abend bei G. Arnoldi von monatlich € 741 Euro Lohn bestreiten müssen. Kurz gesagt: Dass Cocktails in Deutschland ihren Preis haben, ist eine historische Konstante – die sicher niemanden überrascht, der einmal Preise für eine Bar kalkuliert hat.

Festzuhalten ist ferner, dass unsere American Bar nicht mit Musik, Tanz oder Varieté für einen Besuch warb. Das deutsche Verständnis des englischen Lehnwortes „Bar“ sollte sich in den folgenden Jahrzehnten noch deutlich in diese Richtung verschieben. Hier Unter den Linden im Jahr 1870 ging es jedoch – wie heute wieder für die meisten Barflies – um nichts als gut gekühlte Cocktails.

G wie Gretchenfrage

Was lässt sich über den Mensch G. Arnoldi sagen? Theoretisch muss die namengebende Figur der Bar nicht einmal identisch mit ihrem Betreiber gewesen sein. Aber bei einem Kunstnamen müsste man sich fragen, welche Werbewirkung sich der Betreiber unbekannten Namens erhofft hatte. Hier wäre doch eher ein amerikanisch klingender Name zu erwarten als ein italienisch anmutender. Wahrscheinlich war G. Arnoldi also der Name des Betreibers. Dass er ein Mann war, ist keineswegs gesichert, aber die Verhältnisse der Zeit machen es wahrscheinlich: In den Berliner Adressbüchern des 19. Jahrhunderts – vergleichbar mit den Telefonbüchern des 20. Jahrhunderts – finden sich mitunter recht weitreichende Informationen zu den gemeldeten Einwohnern, die heute jeden Datenschützer nervös werden ließen, so auch der ausgeübte Beruf. Vornamen werden zwar auch hier abgekürzt wiedergegeben, für das Adressbuch des Jahres 1870 stehen jedoch 615 Einträge mit der Berufsbezeichnung „Schankwirth“ gerade einmal 19 Einträgen mit „Schankwirthin“ gegenüber. Dass unser Barbetreiber ein Mann war, hat demnach eine Wahrscheinlichkeit von 96,8 %.

Wer jedoch bei all der Fülle an Informationen in den Berliner Adressbüchern der 1870er Jahre gar nicht auftaucht, ist unser G. Arnoldi. Das könnte für einen Kunstnamen sprechen, kann aber auch andere Gründe haben. Es ist gut möglich, dass Arnoldi nicht gemeldet war und deshalb für die Adressbücher durchs Raster fiel. Das schnell wachsende Berlin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts litt unter einer drückenden Wohnungsnot mit all ihren Begleiterscheinungen wie Armut, Mietwucher und Spekulation. Im Sommer 1872 kam es sogar zu Krawallen, an denen sich mehrere tausend Berliner beteiligten.[11] Verbreitet war auch trotz Verbot das so genannte Schlafgängertum, bei dem Wohnungslose sich stundenweise in Betten von Privatleuten einmieteten, während diese ihrem Tagesgeschäft nachgingen. Dass Arnoldi als Kleinunternehmer ein so genannter Schlafbursche gewesen sein sollte, ist kaum vorstellbar. Auf der anderen Seite stieg der Anteil von Schlafgängern in Berliner Wohnungen von 13,6 % im Jahr 1861 auf stolze 22,7 % im Jahr 1875.[12] Der frühmoderne Airbnb-Vorläufer war also kein Randphänomen. Die Erklärung für Arnoldis Fehlen in den jährlich erscheinenden Adressbüchern könnte schließlich auch noch in dem traurigen Umstand zu finden sein, dass er sein Lokal noch vor Drucklegung des Adressbuchs für 1871 wieder schließen musste und sein Eintrag damit in die Lücke zwischen zwei Jahrgängen fiel.

Streng genommen müsste man, bis sich andere Belege finden, mit der Möglichkeit rechnen, dass Arnoldi die Annoncen in den Wespen zwar mit einigem Vorlauf gebucht hatte, es aber letztlich gar nicht zur Eröffnung der Bar kam. Vielleicht waren die Eis-Maschinen nicht geliefert worden oder er konnte das nötige Startkapital nicht aufbringen, weil versprochenes Geld nicht kam. Als passionierter Cocktail-Liebhaber kann man nur hoffen, dass wir nicht nur auf die Spuren eines gescheiterten Business-Plans blicken.

There goes the neighborhood

Neuester Situations-Plan von Berlin (Ausschnitt Dorotheenstadt), Lith. von C. Birk, Berlin: Verlag der S. Schropp’schen Hof-Landkartenhandlung 1866. Der Pfeil zeigt an, wo es vier Jahre später Cocktails gab.

Unter der Adresse Unter den Linden 61 findet sich heute die 1952 eröffnete russische Botschaft. Zu Beginn der Kaiserzeit verlief die Nummerierung der Häuser jedoch noch nach dem 1799 eingeführten Hufeisen-Prinzip, das man heute u.a. noch auf dem Kurfürstendamm bestaunen darf: Fortlaufende Zahlen, beginnend bei 1 auf der einen Straßenseite, am Ende auf der gegenüberliegenden Straßenseite fortgesetzt und dort in die entgegengesetzte Richtung durchnummeriert, so dass sich die niedrigste und die höchste Hausnummer gegenüberliegen. Als der Boulevard Unter den Linden 1937 zum Ruhm des Dritten Reichs bis zur Schlossbrücke im Westen ausgedehnt wurde, wurde das heute geläufige Zickzack-Prinzip angewandt. Das Ladenlokal von Arnoldis American Bar befand sich 1870 demnach schräg gegenüber der heutigen russischen Botschaft auf dem Stück zwischen Schadowstraße und Neustädtischer Kirchstraße, wo heute das Otto-Wels-Haus aus den 1960ern die Pracht der Prachtstraße in ihre Schranken weist.

Berlin, Unter den Linden, Nordseite, Blick Richtung Friedrichstraße und Brandenburger Tor, Hausnummern 41 ff., Fotografie ca. 1890.

Im Jahr 1870 standen Unter den Linden – von einer Reihe Regierungsgebäuden und Behörden abgesehen – relativ schmale bzw. normal geschnittene Häuser, die über einem Ladenlokal in der Regel nicht mehr als drei bis vier Etagen mit Büros oder Wohnungen aufwiesen. Gegen die Sonneneinstrahlung schützten sich die meisten Geschäfte auf der Nordseite mit Markisen, die den Häuserzeilen ein Flair verliehen, das auf alten Fotografien an Ferienorte an der belgischen Atlantikküste denken lässt. Die Nr. 61 gehörte zu den schmalen Häusern, die wohl nur einem einzigen Ladenlokal Platz boten. Das ist insofern interessant, als die Stuhr’sche Buchhandlung, die vorher auf der Südseite Unter den Linden 8 firmiert hatte,[13] im Jahr 1874 in die Räumlichkeiten der Hausnummer 61 einzog.[14] Vermutlich gab es G. Arnoldis Bar spätestens zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Deutschland wirft seinen Schatten voraus

Adolph von Menzel, Abreise König Wilhelms I. zur Armee am 31. Juli 1870, Öl auf Leinwand, Alte Nationalgalerie Berlin. An G. Arnoldis Bar hat der spätere Kaiser an diesem Sonntag wohl nicht Halt gemacht.

Eine der schöneren Darstellungen der Prachtstraße Unter den Linden hängt heute in der Alten Nationalgalerie und wurde wie viele andere Gemälde dort durch Adolph von Menzel geschaffen. Es zeigt eine Menschenmenge, die vom Bürgersteig zusieht, wie der preußische König Wilhelm I. sich in einer Kutsche zur Armee fahren lässt. Die Menschen haben sich sonntagsfein angezogen, haben ihre Kinder mitgebracht und winken dem Monarchen. Vereinzelt salutieren Uniformierte in der Menge und im Vordergrund verbeugt sich ein älterer Herr, der seinen Zylinder abgenommen hat. Diese beinahe idyllische Szene eines städtischen Sommertags spielt am 31. Juli, nachdem zwölf Tage zuvor eine desaströse Entwicklung in Westeuropa zur absehbaren Kriegserklärung Frankreichs geführt hatte. Das war knapp sechs Wochen, nachdem G. Arnoldi seine American Bar eröffnet hatte. Dass der Krieg etwas damit zu tun hatte, dass sich das neuartige Lokal mit seinen aufwändigen Eismaschinen anscheinend nicht lange halten konnte, ist allerdings mehr als ungewiss. Wilhelm I. kehrte jedenfalls im Januar 1871 als Kaiser des neu gegründeten Deutschen Reiches zurück ins Alte Palais Unter den Linden.


Anmerkungen

[1] Art. Berliner Wespen, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie, https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Wespen, Abruf: 09.12.2023.

[2] In Dresden erschien von 1906 bis 1910 „The Dresden Daily“, nach eigenem Bekunden die erste englischsprachige Zeitung in Deutschland, die ab 1907 unter dem Titel „The Daily Record“ erschien und ab 20. Oktober desselben Jahres auch in Berlin verlegt wurde, https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/120620/1.

[3] American Church Berlin. An Ecumenical International Protestant Church, Church History, https://americanchurchberlin.de/about/church-history/, Abruf: 16.11.2023.

[4] Michael Bienert &  Elke Linda Buchholz, Modernes Berlin in der Kaiserzeit. Ein Wegweiser durch die Stadt, 1. Auflage der überarbeiteten und aktualisierten Neuauflage, Berlin: Berlin Story 2016, 12.

[5] Bienert & Buchholz 2016, 11 f.

[6] Art. Großes Siegel der Vereinigten Staaten, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie, https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fes_Siegel_der_Vereinigten_Staaten#Geschichte, Abruf: 10.12.2023.

[7] Wolfgang Hübner, E pluribus unum. Augustinus und die Vereinigten Staaten von Amerika, in: Revue d’études augustiniennes et patristiques 57 (2011) 137-144, https://www.augustinus.de/artikel/113-artikel-beitrag-vortrag/189-e-pluribus-unum-augustinus-und-die-vereinigten-staaten-von-amerika, Abruf: 09.11.2023.

[8] Salzsäure hat einen pKS-Wert von -6, Schwefelsäure -3, beide zählen zu den sehr starken Säuren. Vgl. Tabelle der pKS Werte und allgemeiner Eigenschaften gebräuchlicher Säuren und Basen, https://www.cerevisia.at/usr_upload/pks_tabelle.htm, Abruf: 10.12.2023.

[9] Deutsche Bundesbank, Kaufkraftäquivalente historischer Beträge in deutschen Währungen, 15.03.2023, https://www.bundesbank.de/de/statistiken/konjunktur-und-preise/-/kaufkraftaequivalente-historischer-betraege-in-deutschen-waehrungen-615162, Abruf: 03.12.2023.

[10] Ulrich Pfister, Löhne und Konsumgüterpreise in Deutschland 1850 bis 1889 (2019), GESIS Datenarchiv, Köln. ZA8710 Datenfile Version 1.0.0, https://doi.org/10.4232/1.13334, A.01.04b: Einzelne Lohnreihen (in Mark) – Druckereigewerbe: Wochenlohn, 1872-1889. Die älteren Lohnreihen beziehen sich auf Löhne pro 1.000 gesetzter Buchstaben.

[11] Kerstin Hilt, Krawalle wegen Wohnungsnot in Berlin (25.7.1872), Podcast ZeitZeichen, 25.07.2022, https://sr-mediathek.de/index.php?seite=7&id=26471&tbl=pf, Abruf: 10.12.2023.

[12] Johann Friedrich Geist, Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus 2, München: Prestel 1980, 469.

[13] Berliner Adreßbuch 1873, 317, Digitale Landesbibliothek Berlin, https://digital.zlb.de/viewer/image/34111732_1872/1216/, Abruf: 10.12.2023.

[14] Berliner Adreßbuch 1874, 424, Digitale Landesbibliothek Berlin, https://digital.zlb.de/viewer/image/34115512_1874/1389/, Abruf: 10.12.2023.

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