Q: Th. Griesinger, Land und Leute in Amerika 1862

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Einführung

(Karl) Theodor Giesinger wurde 1809 in Kirnbach bei Wolfach im Schwarzwald geboren. Nach einer theologischen Ausbildung arbeitete er als evangelischer Pfarrvikar in kleineren Gemeinden. 1835 brach er mit dem geistlichen Stand, um sich in Stuttgart als Schriftsteller zu betätigen. Im Zuge der Revolution 1848 engagierte er sich publizistisch für die demokratische Sache und nahm 1849 an der Reutlinger Volksversammlung teil. Aufgrund dessen des Hochverrats angeklagt, kam er für zwei Jahre in Untersuchungshaft in der Festung Hohenasperg. Trotz des Freispruchs verließ er Deutschland 1852 tief enttäuscht und wanderte mit seiner Familie in die USA aus. Da auch die dortigen sozialen und politischen Verhältnisse nicht zu seiner Zufriedenheit waren, kehrte er 1857 zurück nach Stuttgart, wo er bis zu seinem Tod 1884 blieb.

Während er bis zu seinem Amerika-Aufenthalt vor allem für Zeitschriften geschrieben und Novellen nach Motiven aus der schwäbisch-württembergischen Geschichte verfasst hatte, verwertete er nun seine Erfahrungen für ein neugieriges Publikum: Bereits 1858 erschienen die Aufsatzsammlung Lebende Bilder aus Amerika sowie zwei Bände mit dem Titel Emigrantengeschichten. Erzählungen aus dem amerikanischen Leben. 1862 folgte das zweibändige Werk Land und Leute in Amerika. Skizzen aus dem amerikanischen Leben, aus dem hier der Aufsatz Was trinkt man im Lande der Yankees? in Auszügen zitiert wird. Der Autor zeichnet ein kritisches Amerika-Bild, mit dem er auswanderungswillige Deutsche zu einer wohlüberlegten Entscheidung bewegen will. Griesingers literarisches Schaffen umfasst zahlreiche Titel, vor allem der Belletristik, die sich zumeist um historische Themen bewegen. Während man seinen unverhohlenen Rassismus gegenüber Afroamerikanern und indigenen Amerikanern vielleicht noch mit der Geisteshaltung der Zeit erklären kann, riefen stark antisemitische Ausfälle in seinem Werk bereits den Protest von Zeitgenossen hervor.

Introduction

(Karl) Theodor Giesinger was born in Kirnbach near Wolfach in the Black Forest in 1809. After completing his theological training, he worked as a Protestant vicar in smaller parishes. In 1835, he left the clergy to work as a writer in Stuttgart. In the course of the 1848 revolution, he became a journalist for the democratic cause and took part in the Reutlingen People’s Assembly in 1849. Accused of high treason as a result, he was remanded in custody in Hohenasperg Fortress for two years. Despite his acquittal, he left Germany in 1852, deeply disappointed, and emigrated to the USA with his family. As the social and political conditions there were not to his satisfaction either, he returned to Stuttgart in 1857, where he remained until his death in 1884.

While he had mainly written for magazines and novellas based on motifs from Swabian-Württemberg history until his stay in America, he now utilised his experiences for a curious audience: in 1858, he published the collection of essays Lebende Bilder aus Amerika (Living pictures from America) and two volumes entitled Emigrantengeschichten. Erzählungen aus dem amerikanischen Leben (Emigrant stories. Tales from American life). This was followed in 1862 by the two-volume work Land und Leute in Amerika. Skizzen aus dem amerikanischen Leben (Land and people in America. Sketches from American life), from which the essay Was trinkt man im Lande der Yankees? (What do you drink in the land of the Yankees?) is quoted here in extracts. The author paints a critical picture of America with which he wants to persuade Germans willing to emigrate to make a well-considered decision. Griesinger’s literary oeuvre includes numerous titles, mainly fiction, most of which revolve around historical themes. While his blatant racism towards African-Americans and indigenous Americans can perhaps still be explained by the mindset of the time, strong anti-Semitic statements in his work already provoked protests from contemporaries.


#q1862tg1

Theodor Griesinger, Land und Leute in Amerika 1862, Kap. 23 Was trinkt man im Lande der Yankees?

🇩🇪 Theodor Griesinger, Land und Leute in Amerika. Skizzen aus dem amerikanischen Leben 2, Stuttgart: Kröner ²1863, https://mdz-nbn-resolving.de/details:bsb10253886 (14.04.2024).

🇬🇧 Karsten C. Ronnenberg, 2024, with the help of deepl.com.

Kap. 23 Was trinkt man im Lande der Yankees? S. 692-707Ch. 23 What to drink in the land of the Yankees?
|692| Was ist nun aber das Nationalgetränke der Nordamerikaner? Die Antwort läßt sich in einem einzigen Worte geben, nemlich in dem Worte »Schnaps.« Freilich ein trauriges Wörtlein, aber deswegen doch ein wahres denn in Nordamerika trinkt die ganze eingeborene Welt »Schnaps« und nichts als »Schnaps!« Man hat verschiedene Namen für denselben, als z. B. »Liquor«, »Spirit«, »Brandy«; auch verschiedene Sorten gibt es, wie; »Kornbrandy«, d. i. Fruchtbranntwein; »Gin« oder Wacholderbranntwein; »Whisky«, d. i. irländischer Kartoffelschnaps; »Shedambrandy«, d. i. Schidamschnaaps; »Cherrybrandy“, d. i. Kirschengeist; »Frenchbrandy« d. i. Cognac und so noch Dutzende von andern Arten. Doch darin, daß fünfundzwanzig ober dreißig verschiedene Schnapssorten in Amerika ausgeschenkt werden, liegt noch nicht einmal die Haupteigenthümlichkeit jenes Landes, sondern diese ist vielmehr ganz wo anders zu suchen. Was wäre es auch für etwas Absonderliches, wenn alle Schnapssorten, die es nur überhaupt in der Welt gibt, in Amerika eine Heimath hätten? Sie find ja auch in unsern Ländern zu Hause und wenn sie auch nicht immer von den Wirthen gehaltenwerden, so findet man sie um so gewisser in den Droguerien. Ueberdieß gibt es unter allen Himmelsstrichen |693| Schnapstrinker und sogar recht habituirliche; die Schnapsfabrikanten aber und die Schnapsfälscher, die aus Hefen- oder Kartoffelspiritus jede Sorte von Branntwein hervorzaubern, welche man nur irgend haben will, – ei nun, diese liefert unser Vaterland ebenso gut, als Amerika. Kurz also, im Trinken des Schnapses, sowie im Halten der verschiedenen Branntweinsorten oder in ihrer Erzeugung liegt nichts Außerordentliches und dieß ist es auch nicht, wodurch sich Nordamerika vor andern Ländern auszeichnet, sondern das Absonderliche und Eigenthümliche liegt vielmehr in etwas ganz Anderem, nemlich in der Mischung der verschiedenen Schnapsarten, d. h. »in ihrer Mischung mit andern Ingredienzien«, wodurch »ganz neue Sorten« von Getränken, die sonst nirgends in der Welt zu Hause sind, entstehen.But what is the national drink of the North Americans? The answer can be given in a single word, namely the word „booze.“ A sad little word, of course, but a true one because in North America the whole indigenous world drinks „booze“ and nothing but „booze!“ They have different names for it, such as „liquor“, „spirit“, „brandy“; there are also different types, such as „grain brandy“, i.e. fruit brandy; „gin“ or juniper brandy; „whisky“, i.e. Irish potato brandy; „shedambrandy“, i.e. shidam brandy; „kirsch“, i.e. cherry brandy; „French brandy“, i.e. cognac, and dozens of other types. But the fact that twenty-five or thirty different types of booze are served in America is not even the main characteristic of that country, which is to be sought elsewhere. What kind of strange thing would it be if all the spirits that exist in the world had a home in America? They are also at home in our countries and even if they are not always kept by the publicans, they are all the more likely to be found in the drugstores. Moreover, there are booze drinkers in all parts of the world, and even quite habitual ones; but the booze manufacturers and the booze counterfeiters, who conjure up any kind of brandy they want from yeast or potato spirit, – well, our fatherland supplies them just as well as America. In short, there is nothing extraordinary in the drinking of booze, nor in the holding of the various types of spirits or in their production, and this is not what distinguishes North America from other countries, but rather the peculiarity and uniqueness lies in something quite different, namely in the mixture of the various types of booze, i.e. „in their mixture with other ingredients“, whereby „completely new varieties“ of drinks are created that are not found anywhere else in the world.  
In Nordamerika geben sich nemlich was die Temperatur anbelangt, Archangel am Nordpol und Calcutta am Aequator Rendezvous, d. h. Winters ists merkwürdig kalt und Sommers noch merkwürdiger heiß. Mit was soll man sich nun aber, wenns Stein und Bein zusammenfriert, den Magen wärmen? Nun natürlich mit einem heißen Punch oder etwas dem ähnlichen! Schnaps, siedendes Wasser, Zucker und etwelche Gewürze – Herz, was willst du mehr? An der gehörigen Abwechslung fehlts ja nicht, wenn man nur mit den Gewürzen changirt und vielleicht das eine Mal ein Ei dazu nimmt und das andere Mal kein Ei. Wie ists nun aber im Sommer, wenn der Durst mit dem Monate Mai fast riesengroß anwächst? Was kann gegen diesen helfen? Das Trinkwasser, das meist durch stundenlange Wasserleitungen herbeigeleitet wird, ist bekanntlich beinahe immer wenigstens in den |694| Städten badwarm und einen kühlen Trunk aus dem Keller kann man sich auch nicht holen, einfach weils in Amerika keine Keller (mit alleiniger Ausnahme der deutschen Bierkeller) gibt. Man müßte also verschmachten, wenn ein Ding nicht wäre; dieses eine Ding aber hilft über alle Nöthen hinweg. Und wie heißt nun dieses Ding? Ei nun einfach »Eis«!1) Mit Eis kühlt man das Wasser, mit Eis das Bier, mit Eis den Wein, mit Eis die Limonade, mit Eis jeden Tropfen, den man hinabschluckt. Nun ist es aber eine bekannte Thatsache, daß das aufgelöste Eis, wenn man den heißen Magen schnell damit abfrischt, ungeheuer schädlich wirkt, und daß sich schon Mancher durch einen solchen Trunk eine schwere Krankheit, wenn nicht gar den Tod geholt hat. Somit müssen diese schädlichen Wirkungen neutralisirt werden, d. h. man muß dem Eiswasser irgend eine Ingredienz beimischen, welche den Magen erwärmt oder wenigstens eine plötzliche Erkältung desselben unmöglich macht. Was ist aber dieses für eine Ingredienz? Natürlich keine andere, als der Schnaps! »Wein« thäte es zwar auch, allein derselbe ist viel zu theuer, als daß der gewöhnliche Mann seinen Durst damit löschen könnte. Ein paar Tropfen unter das Eiswasser gemischt, helfen ja nichts und eine ganze Flasche kostet zum Mindesten, selbst wenn man das größte Lumpenzeug kauft, seine fünfundzwanzig Cents! Da ist es was ganz anderes um den Schnaps und mit einem Gläschen Whisky |695| für drei Cents kann man eine ganze Maas Eiswasser unschädlich machen! Der Schnaps allein also ist im Sommer das Rettungsmittel vor dem Tode, sowie im Winter der Schutzengel vor dem Erfrieren, und es gibt keinen eingeborenen Amerikaner, der sich seiner nicht in allen Jahreszeiten bedienen würde. Allein Brandy, Whisky oder Gin pur oder alleinig mit Wasser genossen schmecken gar schlecht und sogar wenn man etwas Zucker hinzuthut, will ein verwöhnter Gaumen sich nicht zufrieden geben. Ohnehin aber können doch nicht feiner gebildete Herren oder gar vollends Damen Brandy mit Wasser ohne eine andere Zuthat trinken, wenigstens nicht vor den Leuten, denn dieß würde gar zu ordinär herauskommen! Man mußte daher daran denken, andere Getränke zu erfinden, welche zwar ebenfalls Brandy und Eiswasser enthalten, dagegen aber wegen der verschiedenen Beimischungen, die man ihnen gab, so lieblich schmecken, daß man den Schnaps gar nicht herausriecht. Und sie sind auch wirklich erfunden worden, diese Sorbets! Sie sind erfunden worden diese Mischungen aus Eis und Schnaps, aus Gewürzen und Früchten, aus Natürlichem und Unnatürlichem. Sie sind erfunden worden diese Getränke, deren Namen kaum entziffert und deren Bedeutung kaum erklärt, deren Duft aber jedenfalls nicht übertroffen werden kann! Sie sind erfunden worden durch vieles Studium und gründliche Forschung und nirgends in der Welt sind sie zu Hause, als nur allein in Nordamerika!

[1) Wir bitten den Leser den nachfolgenden Artikel »Eisverbrauch in Amerika« zu lesen, denn derselbe ergänzt das, was wir hier beim »Trinken« entweder ganz verschwiegen oder nur kurz berühren können.]
In North America, Archangel at the North Pole and Calcutta at the equator rendezvous as far as temperature is concerned, i.e. it is strangely cold in winter and even hotter in summer. But what should you use to warm your stomach when it’s freezing cold? With a hot punch or something similar, of course! Booze, boiling water, sugar and some spices – what more could you want? There’s no lack of variety if you just change the spices and maybe add an egg one time and no egg the other. But what is it like in summer, when the thirst increases almost enormously with the month of May? What can help against this? Drinking water, which is usually piped in for hours, is almost always at bathing temperature, at least in the cities, and you can’t get a cool drink from the cellar either, simply because there are no cellars in America (with the sole exception of German beer cellars). So you would have to languish if there wasn’t one thing; but this one thing helps you through all your troubles. And what is this thing called? Well, simply „ice“!4) Ice is used to cool water, ice is used to cool beer, ice is used to cool wine, ice is used to cool lemonade, ice is used to cool every drop you swallow. However, it is a well-known fact that dissolved ice, when used to quickly cool a hot stomach, has a tremendously harmful effect, and that many a person has contracted a serious illness, if not death, from such a drink. These harmful effects must therefore be neutralised, i.e. some ingredient must be added to the ice water to warm the stomach or at least make a sudden cold impossible. But what is this ingredient? None other than booze, of course! „Wine“ would do as well, but it is far too expensive for the common man to quench his thirst with. A few drops mixed with ice water won’t do any good, and a whole bottle costs at least twenty-five cents, even if you buy the biggest rag! It’s quite a different matter with the booze and a glass of whisky for three cents can make a whole Maas of ice water harmless! So booze alone is the saviour from death in summer and the guardian angel from freezing in winter, and there is no native American who would not make use of it in all seasons. Alone brandy, whisky or gin enjoyed pure or alone with water taste very bad and even if you add a little sugar, a spoilt palate will not be satisfied. In any case, however, it is not possible for more refined gentlemen or even ladies to drink brandy with water without any other addition, at least not in front of people, because it would come out too vulgar! It was therefore necessary to think of inventing other drinks which, although they also contain brandy and ice water, taste so sweet because of the various additions that are made to them that you can’t smell the brandy at all. And they really have been invented, these sorbets! These mixtures of ice cream and booze, of spices and fruit, of the natural and the unnatural have been invented. They have been invented, these drinks whose names are barely deciphered and whose meaning is barely explained, but whose flavour cannot be surpassed! They have been invented through much study and thorough research and nowhere in the world are they more at home than in North America alone!

[4) We ask the reader to read the following article „Ice consumption in America“, as it complements what we have either completely ignored or only briefly touched on here in „Drinking“.]
Gott möge uns vor dem Versuche bewahren, all die Benennungen und Bezeichnungen dieser verschiedenen Branntweinmischmasche hier herzuzählen; aber einzelne können wir doch nicht unterlassen der Curiosität wegen namentlich |696| anzuführen, und der geneigte Leser möge sein englisches Lexikon zur Hand nehmen, um es zu versuchen, einen Sinn hinein- oder herauszubringen. Da ist zu zuerst der Gin-Cocktail, der Champagne-Cocktail, der Whisky-Cocktail, der Portwine-Cocktail, der Brandy-Cocktail sowie noch eine Masse weiterer Cocktails; dann kommt der Sherry-Cobbler, der Brandy-Cobbler, der Ginger-Cobbler, und noch ein halbes oder ganzes Dutzend anderer Cobblers; darauf haben wir den Porter-Sandery [sc. Sangaree], den Champagne-Sandery, den Portwine-Sandery, den Cherry-Sandery nebst noch unzählbaren weiteren Sanderys; weiter gibts Brandy-Smash, Mint-Julep, Boban-Whisky, Ginger-Buck-Whisky, Spruce-Beer-Smash, Limon-Brandy-Soda, Egg-Nogg u. s. w. u. s. w.; zuletzt aber kommt noch ein ganzes Heer von Mischungen aus Vanille, Eis und Schnaps, aus Sassaparilla und Schnaps, aus Citronen und Schnaps, aus Soda und Schnaps, aus Chokolade und Schnaps, aus Ananas und Schnaps, aus spanischem Pfeffer und Schnaps (diese letztere Mischung, der sogenannte »Nightcap«, oder die Nachtmütze ist besonders Abends vor Bettgehen beliebt und besteht aus einer Auflösung von spanischem Pfeffer, Zucker und siedendem Wasser, allein wer einen herzhaften Schluck davon nimmt, den brennts wie das höllische Feuer), aus Gott weiß was alles und Schnaps! Der Leser darf aber ja nicht glauben, daß alle diese Mischungen fix und fertig in Flaschen dastehen und daß also nichts weiteres dazu gehöre, als die Flaschen zu nehmen und sich einzuschenken, wie man den Wein ober das Bier einschenkt. Im Gegentheil, wer dieß glaubt, ist in einem großen Irr|697|thum befangen und kennt Amerika gar nicht. Allerdings stehen in jeder Wirthschaft unmittelbar hinter dem Schenktische oder der Bar auf einem hohen Gerüste, das sich fast wie ein fein gearbeitetes Büchergestell ausnimmt, eine Menge schön geschliffener, in weißer, grüner, rother, gelber, brauner oder schwarzer Farbe blinkender Flaschen, deren jede mit einem duftenden Inhalt gefüllt ist; aber dieser Inhalt besteht blos aus Schnaps, nemlich aus Brandy, Gin, Whisky, Cognac u. s. w., »Mischung« dagegen ist noch keine vorhanden, sondern diese wird erst vorgenommen im Augenblicke, da man das Getränke verlangt! Wie wäre es auch möglich, dieses Experiment »im Voraus« schon darzustellen? Würden ja doch die hunderterlei von Getränken, wenn in Gefässen aufbewahrt, einen so ungeheuren Raum einnehmen, daß kein Flaschenschrank groß genug wäre! Müßten doch diese Getränke, wenn sie nicht an demselben Tage genossen würden, elendiglich verderben und wieder ausgeschüttet werden! Schmecken doch die meisten dieser Mischungen nur dann angenehm, wenn sie frischweg unmittelbar nach der Mischung hinuntergeschluckt werden! Läßt sich doch ein Hauptbestandtheil derselben, nemlich das kühlende Eis gar nicht zum Voraus verwenden! Somit werden hinter der Bar nur die Ingredienzien aufbewahrt, aus denen die Mischungen bereitet werden, und es steht dort außer dem Liquor und Schnaps vor allem das Eis in großen Massen. Dann sieht man Citronen, Orangen, Ananas und andere Südfrüchte in merkwürdiger Auswahl. Weiter ist aufgestellt Zucker, Pfeffer, Muskatnuß, Nelken, Vanille, Cacao und eine ganze Legion anderer Gewürze. God forbid that we should attempt to list all the names and designations of these various mixed spirits here; but we cannot refrain from mentioning some of them by name for the sake of curiosity, and the gentle reader may take up his English dictionary to try to make sense of them. First there is the gin cocktail, the champagne cocktail, the whisky cocktail, the portwine cocktail, the brandy cocktail and a mass of other cocktails; then comes the sherry cobbler, the brandy cobbler, the ginger cobbler, and half a dozen or a dozen other cobblers; then we have the porter sander [i.e. sangaree], the champagne sandery, the portwine sandery, the cherry sandery and countless other sanderies; then there’s brandy smash, mint julep, Boban whisky, ginger-buck whisky, spruce-berry smash, lime-brandy soda, egg nogg, etc., etc.; lastly, however, there is a whole host of mixtures of vanilla, ice and booze, of sassaparilla and booze, of lemon and booze, of soda and booze, of chocolate and booze, of pineapple and booze, of Spanish pepper and booze (this latter mixture, the so-called „nightcap“, is particularly popular in the evening before going to bed and consists of a solution of Spanish pepper, sugar and boiling water, but if you take a hearty sip of it, it burns like hellish fire), God knows what all and booze! The reader must not, however, believe that all these mixtures are ready-made in bottles and that nothing more is needed than to take the bottles and pour them, just as one pours wine or beer. On the contrary, anyone who believes this is deluded and does not know America at all. It is true that in every pub, directly behind the bar table or bar, on a high scaffolding that looks almost like a finely crafted bookcase, there are a lot of beautifully polished bottles flashing in white, green, red, yellow, brown or black colour, each filled with a fragrant content; but this content consists only of booze, namely brandy, gin, whisky, cognac and so on, The „mixture“, on the other hand, is not yet present, but is only made at the moment the drink is requested! How would it be possible to present this experiment „in advance“? After all, if the hundreds of different drinks were stored in containers, they would take up so much space that no bottle cabinet would be big enough! If these drinks were not consumed on the same day, they would have to spoil miserably and be poured out again! After all, most of these mixtures only taste pleasant if they are swallowed fresh immediately after mixing! After all, one of their main ingredients, namely the cooling ice, cannot be used in advance! Thus, only the ingredients from which the mixtures are prepared are kept behind the bar, and in addition to the liquor and booze, there is above all the ice in large quantities. Then there are lemons, oranges, pineapples and other tropical fruits in a strange selection. There is also sugar, pepper, nutmeg, cloves, vanilla, cocoa, and a whole legion of other spices.
Endlich aber fehlen auch die Instrumente nicht, deren man zur Bewerkstelligung |698| der Mischung bedarf, und man erblickt einen Eisbrecher, einen Stößer, eine Schaumgabel, sowie noch eine Menge von andern Utensilien, über deren Handhabung ein Laie sich vergeblich den Kopf zerbricht. Kommen nun die Gäste angeströmt und stellen sich zwölf oder fünfzehn Mann hoch am Schenktische auf, – ei wie flink bewegt sich da der hinter demselben stehende Kellner oder Barkeeper! Jeder der Gäste hat vielleicht etwas anderes zu trinken verlangt, aber der Barkeeper weiß allen gerecht zu werden. Wie hurtig wird bald diese, bald jene Flasche ergriffen, wie fliegt der Arm von einem Gewürz, von einer Frucht zur andern, wie emsig wird gerührt, gestoßen, geschwenkt!2) Wahrhaftig es ist gerade, als ob der Kellner dort hinter dem Schenktisch zehn Arme hätte, so in Sturmeseile wird alles vollbracht, und in fünf Minuten sind zwanzig Gläser, jedes mit einer andern Mischung, gefüllt! Man kann sich nun wohl denken, daß ein äußerst gewandter Bursche |699| dazu gehört, um all diese Heldenthalten zu vollbringen – ein Bursche so flink wie der Teufel und so alert wie ein Affe. Uebrigens nicht blos ungewöhnlich gewandt, sondern auch ungewöhnlich kenntnißreich muß der junge Mann sein, denn er hat ja all diese Mischungen sämmtlich ohne Ausnahme im Kopf zu behalten. Oder wie? Bliebe ihm etwa Zeit um nach einem Recept zu sehen? Du lieber Gott, er muß ja oft Stunden lang, nicht selten sogar halbe Nächte hindurch in einem fort mischen und abermals mischen, weil immer neue Gäste kommen, denen die früheren Platz machen! Ueberdieß muß er das Geld für die verschiedenen »Trinks« einnehmen und da in Nordamerika viel Papiergeld, dessen Aechtheit stets einer genauen Untersuchung bedarf, vorzukommen pflegt, so ist das Geldwechseln wahrhaftig feine Kleinigkeit. Trotz all dieser vielen Mühe und Arbeit liegt ihn aber auch noch ob, den Schenktisch mit den Gläsern in frisch glänzender Reinheit zu erhalten und es bleibt ihm also keine Minute Zeit, um im Kochbuch nachzuschlagen, mit welchen Bestandtheilen man die verlangten Trinks zu mischen hat. Ha, ihr deutschen Apothekersgehülfen, wie müsset ihr staunen, wenn ihr zum ersten Mal einen solchen Barkeeper handthieren sehet! Ein solches lebendiges Mixtum compositum, eine solche Fluggeschwindigkeit im Mischen geht über euern Horizont! Uebrigens ist auch in der That und Wahrheit nur ein amerikanischer Junge im Stande, eine Stelle dieser Art zu bekleiden! Nur ein solcher schafft sich von Jugend auf in das Geschäft hinein und bringts später zu einer Virtuosität, daß er die vielen hunderterlei Cocktails, Sanderies und Juleps gleichsam »spielend« bereitet! Ja sogar erfinderisch wird er und kredenzt seinen Stammgästen neue |700| noch nie dagewesene Mischungen, die aus seiner Phantasie hervorgehen und denen er daher einen eigenen in keinem Lexikon zu findenden Namen schöpft! Wie wollten also gegen ihn die Abkömmlinge deutscher oder französischer Nation aufkommen? Wir wollen ihnen kein Unrecht thun, aber sie bleiben hinter einer amerikanischen Bar immer etwas plump und unbehilflich, denn es liegt nicht in ihrem Blute, Schnaps zu mischen!

[2) Der Kurzweil wegen theile ich dem Leser das Recept mit, wie z. B. der Sherry Cobbler »gefixt« wird. Zu diesem Behufe nimmt der Barkeeper zwei große hölzerne Becher. In den ersten gießt er ein Trinkglas gewöhnlichen Rothweins nebst einem halben Trinkglas voll Xeres, fügt sodann zwei Löffel voll weißen gestoßenen Zucker hinzu, sowie ein Paar Stückchen Citronenschale, und drückt endlich eine halbe Orange darüber aus. Den zweiten Becher füllt er halb mit Eis und so bald er dieses klein gestoßen, gießt er den Inhalt des ersten in den Eisbecher herüber. Aber damit ist die Mischung nicht fertig, sondern er fährt nun mit dem Hinüber- und Herübergießen so lange fort, bis der Zucker und das Eis sich vollständig amalgamirt haben und das Ganze einen dicken Schaum bildet. – Aehnlich wird der Mint-Julep bereitet, nur kommt noch Krausemünze hinzu und statt des Xeres nimmt man Rhum, sowie statt des Rothweins – Whisky.]  
Finally, there is no lack of the instruments needed to make the mixture, and you can see an ice-breaker, a muddler, a frothing fork and a host of other utensils that a layman would have no idea how to use. When the guests arrive and line up twelve or fifteen high at the bar table, how quickly the waiter or barkeeper standing behind them moves! Each of the guests may have asked for something different to drink, but the bartender knows how to fulfil everyone’s wishes. How quickly this bottle is grabbed, then that one, how the arm flies from one spice, from one fruit to another, how diligently is it stirred, poured and swivelled!5) Truly it is as if the waiter behind the bar table had ten arms, everything is done in a flash, and in five minutes twenty glasses are filled, each with a different mixture! One can well imagine that it takes an extremely skilful fellow to accomplish all these heroic feats – a fellow as nimble as the devil and as alert as a monkey. Incidentally, the young man must not only be unusually skilful, but also unusually knowledgeable, for he has to keep all these mixtures in his head without exception. Or how? Would he have time to look for a recipe? Dear God, he often has to mix and mix again for hours, often even half a night, because new guests are always coming to make room for the previous ones! On top of that, he has to collect the money for the various „drinks“ and since there is a lot of paper money in North America, the authenticity of which always requires close scrutiny, changing money is a really fine job. Despite all this toil and labour, he still has to keep the gift table with the glasses in fresh, shiny cleanliness and so he doesn’t have a minute to look up in the cookbook which ingredients to mix the required drinks with. Ha, you German apothecary’s assistants, how astonished you must be when you see such a barkeeper at work for the first time! Such a lively mixtum compositum, such a speed of mixing is beyond your horizon! By the way, only an American boy is in fact and truth capable of holding a position of this kind! Only such a boy gets to grips with the business from a young age and later achieves such virtuosity that he can mix the many hundreds of cocktails, sanderies and juleps „effortlessly“, as it were! He even becomes inventive and serves his regulars new, unprecedented mixtures that are the product of his imagination and for which he therefore creates his own name that cannot be found in any dictionary! So how could the descendants of the German or French nation stand up to him? We don’t want to do them an injustice, but they always remain somewhat clumsy and unhelpful behind an American bar, because it’s not in their blood to mix booze!

[5) For the sake of amusement, I’ll share the recipe with the reader, such as how the sherry cobbler is „fixed“. For this purpose, the bartender takes two large wooden cups. He pours a glass of ordinary red wine into the first, along with half a glass of Xeres, then adds two spoonfuls of crushed white sugar and a couple of pieces of lemon peel, and finally squeezes half an orange over it. He fills the second cup halfway with ice and as soon as he has crushed it, he pours the contents of the first cup into the second. But the mixture is not finished with this; he continues pouring back and forth until the sugar and ice have completely amalgamated and the whole thing forms a thick foam. – The mint julep is prepared in a similar way, except that a mint is added and rhum is used instead of xeres, and whisky instead of red wine.]
Das ists, was der Amerikaner trinkt. Wenn uns nun aber schon die Getränke selbst etwas sonderbar vorkommen, so werden wir uns noch mehr über die Art und Weise, »wie« getrunken wird, verwundern. Bei uns in Deutschland hat man besondere Weinhäuser, sowie besondere Bierhäuser. Ja sogar an Schnapskneipen fehlt es nicht und es weiß jeder, wohin er zu gehen hat, wenn es ihn nach einem dieser verschiedenen Getränke gelüstet. Nicht so in Amerika, sondern hier kann man vielmehr in einer und derselben Wirthschaft alles haben, was man will: Cider wie Wein und Bier wie Schnaps nebst allen Mischmaschen des Schnapses. Es gibt hier keine »Abgränzung« des Trinkgeschäftes, sondern die Wirthschaften sind vielmehr »universell« und eine gewöhnliche Kneipe liefert wenigstens dem Namen nach dieselbe Auswahl in Getränken, wie die feinste Conditorei und das nobelste Hotel. Ein deutscher oder französischer Gasthofbesitzer würde vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn ein Bauernlümmel käme, um ein Glas Bier oder gar Schnaps zu verlangen; sein amerikanischer College dagegen, und wenn er das Sct. Nikolaushotel besäße, wird einen solchen Gast geradeso gut bedienen lassen, als einen südlichen Plantagenbe|701|sitzer, welcher nur Zwanzigdollarstücke in der Tasche hat. Die Gesellschaft in den verschiedenen Wirthschaften der Städte ist daher stets etwas gemischt; doch kann man die Bemerkung machen, daß die Elite der vornehmen Welt sich in den feineren Conditoreien zu treffen pflegt. Hier gehen nämlich nicht blos Herrn, sondern selbst elegante Damen aus und ein und man kann deren daselbst von Morgens bis Abends, ja oft bis in die späte Nacht hinein eine große Menge bemerken. Da sitzen sie und verschlingen Süßigkeiten in horrenden Portionen! Da stehen sie und schlürfen Icecream, d. h. Gefrorenes, Schoppenglasweise, unterlassen es jedoch nicht, dasselbe zur Abwechslung und um den Magen in Ordnung zu erhalten, wenigstens mit einer Kleinigkeit von Brandy zu würzen! Deswegen sind sie aber auch fein eingerichtet, diese Conditoreien, viel feiner als bei uns zu Lande!3) Ein wohl hundert Fuß langer, obwohl nur fünfundzwanzig Schuh breiter Saal, vollständig mit Teppichen belegt und mit sammtgepolsterten Sesseln besetzt; dazu hin mit Goldspiegeln versehen, die bis zur Erde reichen, sowie mit Krystallvasen von unendlichen Dimensionen; ferner geschmückt mit Blumen aller Art und mit Früchten jeder Zone, daß Einem das Herz im Leibe lacht: endlich strahlend in wunderbarem Gaslicht und duftend nach den Specereien des Morgenlandes, – so ist ein elegantes Conditoreilokal eingerichtet, und zwei lange ungeheure Wirtschaftstische, der eine für das Backwerk, die Confitüren und die Pasteten, der andere für Icecream, für Cocktails und andere Schnapsmischungen dehnen sich in seinem |702| Innern, die Hälfte des Raums füllend, aus. Wahrhaftig mehr Reichthum und mehr Eleganz kann man nicht verlangen, aber – was man auch hier haben kann, es bekommts der Lump so gut wie der Millionär, die irländische Straßenkehrerin so gut wie die Lady eines Merchant-Prince! Ein kleiner Unterschied jedoch, der zwischen einer gewöhnlichen Wirthschaft und einer feinen Conditorei besteht, darf nicht vergessen werden, dieweil er dem Ganzen erst die Krone aufsetzt. In der Conditorei nemlich stehen hinter den Schenktischen keine Barkeeper, sondern vielmehr Barkeeperinnen, also Damen, und zwar liebliche, fein geputzte, rosig schauende, in reizender Jugend prangende Damen, aus deren zarter Hand ein Trunk Sorbet doppelt so gut schmeckt, wenn man ihn auch doppelt so theuer als anderswo bezahlen muß.

[3) Der Leser vergleiche gefällig hiemit den Aufsatz: »Wie speist man im Lande der Yankees.«]
This is what the American drinks. But if the drinks themselves seem a little strange to us, we will be even more surprised by the way they drink. Here in Germany, we have special wine houses and special beer houses. There is even no shortage of booze bars and everyone knows where to go when they fancy one of these different drinks. Not so in America, but here you can have everything you want in one and the same pub: cider as well as wine and beer as well as booze, plus all the mixtures of booze. There is no „specialisation“ in the drinking business here, but rather the inns are „universal“ and an ordinary pub offers the same selection of drinks, at least in name, as the finest confectionery and the most noble hotel. A German or French innkeeper would throw up his hands in horror if a country bumpkin came to ask for a glass of beer or even booze; his American college, on the other hand, and if he owned the St Nicholas Hotel, would serve such a guest just as well as a southern plantation owner with only twenty dollar pieces in his pocket. The company in the various taverns of the towns is therefore always somewhat mixed; but it may be remarked that the elite of the distinguished world are in the habit of meeting in the finer confectioneries. It is not only gentlemen, but even elegant ladies, who go in and out here, and one can see a large number of them there from morning till night, and often until late at night. There they sit and devour sweets in horrendous portions! They stand there and sip ice cream, i.e. some frozen drink, by the pint, but do not fail to flavour it with at least a little brandy for a change and to keep their stomachs in order! That’s why they are so finely furnished, these confectioneries, much finer than in our country!6) A hall a hundred feet long, though only twenty-five shoes wide, completely carpeted and with velvet-upholstered armchairs; furnished with gold mirrors that reach to the ground, and with crystal vases of infinite dimensions; furthermore, decorated with flowers of all kinds and with fruits of every zone, so that one’s heart laughs in one’s body: at last radiant with marvellous gaslight and fragrant with the delicacies of the Orient, – thus is an elegant confectioner’s shop furnished, and two long, immense tables, one for pastry, confectionery and pies, the other for ice cream, cocktails and other booze mixtures, extend in its interior, filling half the room. Truly, you can’t ask for more wealth and more elegance, but – whatever you can have here, the ragamuffin gets it as well as the millionaire, the Irish street sweeper as well as the lady of a merchant prince! However, there is one small difference between an ordinary pub and a fine confectioner’s shop that should not be forgotten, because it is the crowning glory of the whole. In the confectioner’s shop there are no barkeepers behind the bar tables, but rather barmaids, that is, ladies, and lovely, finely groomed, rosy-cheeked ladies, resplendent in charming youth, from whose delicate hands a drink of sorbet tastes twice as good, even if you have to pay twice as much for it as elsewhere.

[6) The reader may like to compare this with the essay: „How to dine in the land of the Yankees.“]
Auf diese Art trinkt man in den Wirthshäusern Amerikas, allein man trinkt nicht blos in den Häusern, sondern auch «auf der Straße.« Schon die gewöhnlichen Trinkstuben dehnen sich eigentlich bis zur Straße aus. Einmal nemlich sind, wenigstens während der warmen Jahreszeit, alle Fenster und sogar die Eingangsthüren in die Trinksalons weit geöffnet, so daß man ungestört von außen alles beobachten kann, was innen im Zimmer vorgeht, und zum andern werden auch, wenns die Witterung irgend erlaubt, Stühle, Tische und Bänke vor die Thüre heraus auf das Trottoir gestellt, damit man in Freien Platz nehme, wie auf einer Ausstellung. In Deutschland hält man dieß bekanntlich gerade umgekehrt; denn dort schließt man alle Parterreläden einer Wirthschaft sorgfältig zu, und schleicht sich wo möglich durch einen Nebeneingang oder ein Hinterpförtchen in die Gaststube, um ja von |703| Niemanden gesehen zu werden. Allein ein solcher Heimlichthuer und Versteckttrinker ist der Amerikaner nicht, sondern er ladet vielmehr alle Welt ein, zuzusehen, wenn er trinkt. Deßwegen sind auch auf den Straßen selbst förmliche Wirthschaften errichtet und es wird in größeren Städten selten eine Straßenecke, wo zwei gangbare Routen sich kreuzen, gefunden werden können, die nicht von einem Sodawasserstand ausgefüllt würde. Es ist dieß eine Bar im Freien, d. h. ein offener dachloser Schenktisch, an welchem man um drei oder sechs Cents außer Sodawasser: Sprucebier, Gingerbier, Sassaparilla, Limonade und andere ähnliche Sorbets haben kann. [Anm. Ronnenbar.de: Es folgen zwei stark rassistisch gefärbte Sätze zu fliegenden Limonadenverkäufern.] Auch finden sich selbst zu so später Stunde der Abnehmer nicht wenige, und den unsauberen Nachtvögeln sowohl weiblichen als männlichen Geschlechts schmeckt ein Trunk aus ihrem Limonadefaß für drei Cents gerade so gut, als den eleganten Herrn und Damen, die sich um diese Zeit vielleicht noch im Tailorssalon, d. i. in der feinsten, luxuriösesten und großartigsten Conditorei-Restauration Newyorks herumtreiben, ein Glas für einen halben Dollar. So trinkt man also in Amerika allüberall, sogar auf der Straße. Ja selbft die »Apotheken« sind dort zu Trinkstuben eingerichtet, was man in Deutschland kaum glauben wird.This is the way people drink in the public houses of America, but they don’t just drink in the houses, they also drink „on the street.“ Even the usual drinking parlours actually extend to the street. For one thing, at least during the warm season, all the windows and even the entrance doors to the drinking saloons are wide open, so that one can observe undisturbed from outside everything that goes on inside the room, and secondly, if the weather permits, chairs, tables and benches are placed outside the door on the pavement, so that one can take a seat in the open air, as if at an exhibition. In Germany, as is well known, this is done the other way round, for there all the ground-floor shutters of a pub are carefully closed and, where possible, people sneak into the restaurant through a side entrance or a back door so as not to be seen by anyone. But the American is not such a secretive and hidden drinker; on the contrary, he invites the whole world to watch him drink. For this reason, formal public houses are set up on the streets themselves, and in larger cities it is rare to find a street corner where two viable routes intersect that is not filled with a soda water stand. This is an open-air bar, i.e. an open, roofless bar table where, in addition to soda water, you can have spruce beer, ginger beer, sassaparilla, lemonade and other similar sorbets for three or six cents. [note from Ronnenbar.de: This is followed by two strongly racist sentences about street vendors.]  Even at such a late hour there are not a few customers, and the unclean night birds of both male and female sexes enjoy a drink from their lemonade barrel for three cents just as much as the elegant gentlemen and ladies, who at this time of night are perhaps still hanging around in the Tailors‘ Saloon, i.e. in the finest, most luxurious and grandest confectionery restaurant in New York, enjoy a glass for half a dollar. That’s how people drink everywhere in America, even on the street. Yes, even the „pharmacies“ there are set up as drinking parlours, which you would hardly believe in Germany.
|704| Schütteln Sie nur immer mit dem Kopfe, meine Herren Droguisten; deßwegen bleibt die Sache doch wahr und es gibt keine amerikanische Apotheke, in welcher man nicht »Spirits«, d. h. spirituose Getränke nach Belieben consumiren könnte. Wohlverstanden, wir sagten »amerikanische« Apotheke, und verstehen hierunter einen von einem Amerikaner gehaltenen Droguerieladen, wollen aber dabei nicht verhehlen, daß selbst viele der in Amerika ansäßigen »deutschen« Apotheker sich mit dem Branntweinverkauf abgeben, besonders, wenn ihr Lokal in einer Gegend liegt, in welcher mehr Amerikaner und Irländer als Deutsche verkehren. Ohnehin aber gibt sich fast jeder Apotheker in Amerika dazu her, Rootbier, Sodawasser, Limonadesoda, Sassaparillasoda und was dergleichen mehr ist, zu fabriciren, denn warum sollte mans nicht thun, wenns Geld einträgt?Just keep shaking your heads, gentlemen druggists; nevertheless, the matter remains true and there is no American pharmacy in which one could not consume „spirits“, i.e. spirituous beverages at will. It is true that we said „American“ pharmacy, and by this we mean a drugstore run by an American, but we do not want to conceal the fact that even many of the „German“ pharmacists based in America are involved in selling spirits, especially if their establishment is located in an area where there are more Americans and Irish than Germans. In any case, almost every pharmacist in America is prepared to manufacture root beer, soda water, lemonade soda, sassaparilla soda and the like, because why shouldn’t you do it if it makes money?
Hieraus sieht man, daß es in Amerika an Trinkgelegenheiten nicht fehlt. Sie werden aber auch benützt und sogar vielfach benützt, obgleich ein Fremder denken könnte, die Lokale stehen die halbe Zeit über leer. Es wird nemlich nach einem ganz anderen Ritus oder Comment getrunken, als bei uns, nach einem Ritus, der mit deutscher Sitte und deutschem Brauch im vollkommensten Gegensatz steht. Wer bei uns Abends ins Wirthshaus geht, der will sich mit seinen Freunden unterhalten und setzt sich daher gemüthlich nieder, um vor ein Paar Stunden nicht mehr aufzustehen. Hievon jedoch weiß der Amerikaner nichts. Auch befindet sich möglicher Weise im ganzen Wirthschaftszimmer nicht ein einziger Tisch, an dem man Platz nehmen könnte, und selbst der Stühle gibt es nur wenige. Alles »steht« und wer trinken will, geht an den |705| Schenktisch, wo man ihm einschenkt, was er begehrt; sobald er aber getrunken hat, verläßt er die Bar und meistens auch das Haus. Auf diese Art treiben es sowohl Einzelne als auch ganze Gesellschaften von zehn oder mehr Personen, und es gibt also in Amerika weniger ein »Wirthshausleben«, als ein »Straßenleben.« Haben nemlich die Herren eins an der Bar getrunken, so gehen sie weiter, eine Straße auf, die andere ab; sie stellen sich an eine Ecke, plaudern, lachen, schreien und gestikuliren mit Händen und Füßen, bekommen bann abermals Durst, treten wieder ins Wirthshaus, trinken eins und eilen von neuem davon. So sind die Lokale nie »andauernd« voll, und vielfach erscheinen sie sogar ganz leer; den großartigen Verkehr aber bemerkt man erst, wenn man längere Zeit genau aufpaßt. Aus dieser Art und Weise zu trinken geht nun auch noch die weitere Sitte hervor, daß man beim Trinken immer den Hut auf dem Kopfe behält. Es wäre ja doch wahrhaftig nicht der Mühe werth, denselben abzuziehen, wenn man ja schon im nächsten Augenblicke wieder auf die Straße hinausgeht! Somit fällt es keinem Menschen ein, wenn er einen Wirthschaftssalon betritt, seinen Hut an einen Nagel zu hängen; ja es fällt ihm nicht einmal ein, denselben nur zu lüpfen, sondern man grüßt mit Worten ober mit der Hand; der Hut aber bleibt »sitzen!«From this you can see that there is no shortage of places to drink in America. But they are also used and even used frequently, although a stranger might think that the pubs are empty half the time. People drink according to a completely different ritual or comment than here, according to a ritual that is completely at odds with German custom and practice. In our country, people who go to the pub in the evening want to chat with their friends and therefore sit down comfortably so as not to get up again for a few hours. But the American knows nothing about this. There may not be a single table in the entire parlour where you could sit down, and there are only a few chairs. Everything is „standing“ and anyone who wants a drink goes to the bar counter, where they are poured whatever they want; but as soon as they have drunk, they leave the bar and usually also the house. Individuals as well as whole companies of ten or more people do it this way, and so in America there is less a „tavern life“ than a „street life.“ Once the gentlemen have had a drink at the bar, they move on, up one street and down another; they stand on a corner, chat, laugh, shout and gesticulate with their hands and feet, get thirsty again, go back into the pub, have a drink and hurry off again. So the pubs are never „permanently“ full, and often they even appear completely empty; but you only notice the great traffic if you pay close attention for a long time. This way of drinking also gives rise to the further custom of always keeping a hat on your head while drinking. After all, it wouldn’t be worth the effort to take it off if you’re going out into the street again the very next moment! Thus it never occurs to anyone, when he enters a public-house, to hang his hat on a nail; indeed, it does not even occur to him to merely lift it, but one greets with words or with the hand; but the hat remains „on!“
Noch eigenthümlicher ist, daß der Amerikaner nie »allein« trinkt. Nie wird man sehen, daß Einer, der ein Wirthschaftslokal besucht, sich ein Glas geben läßt, um es »allein für sich« zu leeren, wie der Deutsche mit seinem Schoppen gewohnt ist. Im Gegentheil irgend Jemand muß mit ihm trinken; irgend einen muß er haben, der |706| ihm »Bescheid thut« und wenn sich sonst Niemand vorfindet, so fordert er den Wirth oder den Barkeeper dazu auf. Uebrigens betritt der Amerikaner eine Trinkstube selten Solo, sondern meist in größerer ober kleinerer Gesellschaft, und dann ist es immer die ganze Kompagnie, welche zugleich trinkt. Man erhebt die Gläser, winkt sich zu, stößt vielleicht auch an und gießt den Jnhalt a tempo hinab: aber – das Bezahlen liegt blos Einem ob, nemlich dem, der zum Trinken aufgefordert hat. Es wäre etwas Unerhörtes zu sehen, daß Jeder für sich seine Zeche bezahlte, sondern wie gesagt, Einer berichtigt immer für Alle. Natürlich jedoch, wenn einige Herrn einen ganzen Abend mit einander von einem Wirthshaus ins andere ziehen, gleicht sich die Sache so ziemlich wieder aus, denn das einemal zieht dieser den Beutel, das anderemal jener. Man heißt diese Sitte »treaten«, d. h. freihalten oder traktiren und nie wird man finden, daß ein Amerikaner von derselben abweicht. Im Gegentheil, die Eingeborenen haben es soweit gebracht, daß auch die Eingewanderten den Brauch angenommen haben und nun ebenso stark im »treaten« sind, als die Herren Yankees selbst.What is even more peculiar is that the American never drinks „alone“. You will never see someone who visits a pub having a glass handed to him in order to empty it „alone for himself“, as the German is accustomed to doing with his pint. On the contrary, someone must drink with him; he must have someone to „let him know“ and if no one else is present, he asks the landlord or the barkeeper to do so. Incidentally, the American rarely enters a drinking establishment alone, but usually in larger or smaller company, and then it is always the whole company that drinks at the same time. People raise their glasses, wave to each other, perhaps even clink glasses and pour down their drinks at speed: but – the payment is the responsibility of only one person, namely the one who invited them to drink. It would be unheard of to see everyone paying his own bill, but as I said, one always pays for all. Of course, if some gentlemen spend an entire evening travelling from one tavern to another, the situation pretty much evens out, because one time the one draws the pouch, the next time the other. This custom is called „to treat“, i.e. to maintain or to indulge somebody, and you will never find an American deviating from it. On the contrary, the natives have come so far that the immigrants have also adopted the custom and are now just as strong in „treating“ as the Yankees themselves.
Noch einer Sitte beim Trinken muß ich erwähnen, nemlich der vielen Toaste. Es findet kein Essen, wenigstens kein Festessen statt, ohne daß eine staunenswerthe Menge von Toasten ausgebracht würde, und ich bin daher der Ansicht, daß das Wort »Toast« nicht von dem lateinischen »tostus“, wie viele glauben, sondern vou dem altenglischen »toss« ober vielmehr von dem Wälischen »tosiaw«, d. h. werfen oder anstoßen, herrührt. Bei uns zu Lande begnügt man sich mit fünf, sechs, ober höchstens einem Duzend von Toasten, in Amerika aber müssens |707| deren mindestens vierzig und fünfzig, wenn nicht gar hundert sein. Ja wenn die Gesellschaft einmal warm ist, so trinkt niemand mehr, ohne eine Gesundheit auszubringen und natürlich muß dann jedermann, der am Tische sitzt, mittrinken. Merkwürdigerweise übrigens wird in Amerika ein Toast nie oder wenigstens äußerst selten in etwas anderem getrunken, als in Champagner, denn jeder andere Wein gilt als zu gemein für einen solch hochedlen Zweck. Deßwegen ist auch in keinem Lande der Welt, nicht einmal in Rußland, der Champagerverbrauch größer, als in den Vereinigten Staaten; aber ebenso wenig ist dieses Getränke irgendwo in erbärmlicheren Sorten zu treffen, als in diesem gesegneten Lande, und von hundert Champagnerflaschen enthalten sicherlich neunundneunzig nicht blos keinen Champagner, sondern nicht einmal einen Tropfen wirklichen Weines.I must mention another custom in drinking, namely the many toasts. No meal, at least no banquet, takes place without an astonishing number of toasts, and I am therefore of the opinion that the word „toast“ does not derive from the Latin „tostus“, as many believe, but from the Old English „toss“ or rather from the Welsh „tosiaw“, i.e. to throw or to toast. In our country, we are content with five, six or at most a dozen toasts, but in America there must be at least forty and fifty, if not a hundred. Indeed, once the company has warmed up, no-one drinks without having a healthy drink, and of course everyone sitting at the table has to drink too. Strangely enough, in America a toast is never, or at least very rarely, drunk in anything other than champagne, for any other wine is considered too mean for such a noble purpose. For this reason, in no country in the world, not even in Russia, is the consumption of champagne greater than in the United States; but neither is this beverage to be met with anywhere in more wretched varieties than in this blessed land, and of one hundred bottles of champagne, ninety-nine certainly contain not merely no champagne, but not even a drop of real wine.
Nun, lieber Leser, sage mir offenherzig, ziehst du das Trinken in Amerika oder das in Deutschland vor?Now, dear reader, tell me frankly, do you prefer drinking in America or in Germany?

Stand: 24.04.2024

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